Besenreine Übergabe
Kapitel 1 – Prolog
Sonntag, 12.08.2057 18.00 Uhr ff
Das Seattler Wetter verkneift sich einen Regenschauer und verdirbt es durch eine schwüle stehende Luft dennoch. Der Kingdome ist bis zum zerbersten gefüllt. Heute stehen sich nicht nur zwei Todfeinde gegenüber – die Seattler Seahawks können mit einem Sieg gegen die Pittsburgh Steelers dem Titel zum Greifen nahe kommen.
Das Rund wird von grün-gelben Seahawk-Fans bestimmt, die rot-schwarzen Pittsburgher nehmen aber auch ein Drittel ein, stehen dicht gedrängt und zünden eine Bengalo nach der anderen. Tief in den Blöcken kann man kaum atmen – es stinkt nach Bier, gebratenen Heringen und dem Schweiß von Tausenden Metamenschen. Die Stimmung ist fantastisch!
Wie zwei altertümliche Schlachtreihen stehen sich die Teams gegenüber, als der Anpfiff ertönt. Das Aufeinanderprallen der Helme ist wahrscheinlich in Chicago noch hörbar. Es entwickelt sich ein hochklassiges Spiel, in dem die Seattler konzentriert ihr Programm abspielen, sich jedoch nicht entscheidend absetzen können.
In den letzten Minuten steht das Spiel auf Messers Schneide. Die Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt und LoneStar hat alle Hände voll damit zu tun, die Fanlager getrennt voneinander zu halten.
Dann stellen sich Pittsburghs Angriffs- und Seattles Defense-Reihe auf. Das Spiel geht in die entscheidende Phase. Plötzlich erscheint direkt über dem Pittsburgher Fanblock, schwebend, ein gigantischer grüner Vogel, das Seahawk-Maskottchen, das von einem animierten Stahlarbeiter, im rot-schwarz gestreiften Dress, das Maskottchen der Steelers, von hinten ordentlich durchgenommen wird. Aus den Lautsprechern ertönt die Durchsage "Bitte unterlassen Sie magische Illusionen, die das Spiel beeinträchtigen können!"
Ein Pfiff ertönt. Der Ball landet beim Pittsburgh-Quarterback Fin "The Jizz" Flowley, ein Superstar. Wie ein Berserker stürmt er auf die Defense-Reihe zu. Kurz bevor es zum Crash kommt, heult die Hydraulik seiner Cyver-Bockbein laut auf und er macht einen gewaltigen Sprung von 13 Metern, mit dem er die Seattler Verteidigung aushebelt. Einzig der Lefttackel Ahote scheint mit ihm mithalten zu können, als er auf die Touchdown-Linie mit qualmenden Beinen zurast – dieses Manöver hält die Technik offensichtlich nur einmal aus. Mit einem gewaltigen Satz versucht Ahote The Jizz aufzuhalten. Der haarige Riese stürzt auf den Elf und sie verschmelzen zu einem Ball aus Fell und Chrom.
Auf der Touchdown-Linie kommen sie zum Erliegen. Im Stadion herrscht urplötzlich toten Stille. Ein dicklicher Zwerg-Schiedrichter macht sich auf zum Ort des Geschehens. Mit seinen kurzen Beinchen scheint es eine Ewigkeit zu dauern, bis er bei den beiden Spielern er ist. Er schaut nach dem Ball. Er erhebt sich wieder und gibt das Zeichen: "Touchdown!"
Der kleinere Teil der Fans bricht im Jubel aus, der Rest starrt geschockt in die Luft.
LoneStar ist völlig damit überfordert den Abfluss der Massen zu gewährleisten. Es herrscht das völlige Chaos: Gewaltige Trolle brechen heulend zusammen, realisierend das die Meisterschaft wieder einmal futsch ist; Ultra-Fans reißen Stühle aus und werfen sie in den gegnerischen Fan-Block; durstige Orks stürmen den VIP-Bereich. Es ist völlig gleichgültig, ob man das Spiel in einer der Loungen, im Rund oder auf dem Parkplatz auf jemanden wartend , verbracht hat, spätestens vor dem Stadion, wo sich ein Haufen Fans ohne Tickets, Kleinganoven und Hot-Dog-Buden versammtelt haben, schluckt einen das Chaos und gurgelt kräftig.
Die Ultras liefern sich ein wahres Scharmützel und geben einen Drek darauf, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen. Natürlich sind diese selten Jesus oder wehrlos und so hat LoneStar schlechte Aussichten die Kontrolle wiederzuerlangen. Die Gefahr realisierend, dass der Mob richtung City zieht und bereit 23 verletzte Kollegen beklagend, gibt der zuständige Kommandant das Kommando zur Einkesselung.
Schild an Schild rücken die Sicherheitskräfte knüppelnd vor, gedeckt von den Wasserwerfern der Citymasters. Allerdings wirkt der Mob keineswegs eingeschüchtert. Vielmehr wird der Kampf mit den verhassten Cops dankend angenommen, was den Kommandant in seinem sicheren Citymaster die Hände über den Kopf zusammenschlagen lässt: Gezielte Angriffe auf LoneStar erfordern nach Vorschrift immer ein Nulltoleranz-Vorgehen, das heißt alle ausschalten oder inhaftieren. Er gibt den Befehl die Masse in kleinere Gruppen aufzuspalten und gibt über Funk den Notruf "Citywar!" durch, was automatisch alle verfügbaren Enheiten zum Stadion ruft.
Nach gut einer halben Stunden ist es den Sicherheitskräften durch den rücksichtlosen Einsatz der Citymasters und den eintreffenden Verstärkungen gelungen, den Mob in kleine Gruppe aufzuspalten und die Lage etwas zu beruhigen.
Eine dieser eingekesselten Gruppen am Rande des Mobs wird Zeuge eines merkwürdigen Ereignisses: Im Rücken der LoneStar-Leute, in einer kleinen Straße, kommt plötzlich ein rennender Mann gebogen. Seine grauen Haare und Bart zeugen davon, dass er etwas älter ist. Seine Statur und seine feine Kleidung lassen ihn stattlich wirken. Jedoch nicht im Moment, da er wie ein fliehendes Reh rennt. Hinter ihm jagt ein Volkswagen Impuls um die Kurve, beschleunigt und rammt den Mann, der mit einem Aufschrei in einen Haufen Mülltonnen fliegt. Ein blonder Mann, mit einer breiten roten Sonnenbrille steigt aus und will scheinbar zu dem Bärtigen hin. Dann wird er den aufmerksam gewordenen LoneStars gewahr und steigt wieder ein. Das Auto setzt mit quietschenden Reifen zurück und verschwindet.
Der LoneStar-Kommandant ist sich bewusst, dass er nicht die gesamte Masse an Leuten inhaftieren kann. Allerdings kann er alle Citymasters vollladen und somit zumindest hartes Durchgreifen demonstrieren und so sein Versagen bisher nivilieren. Aus den Lautsprechern der Citymasters ertönt eine Durchsage: "Sie werden jetzt auf Grundlage des Seattler-Safety-Contracts wegen Randale und Vandalismus inhaftiert. Bitte halten Sie ihre ID bereit und unterlassen Sie in Ihrem Interessen jegliche Gegenwehr!"
Die Sicherheitskräfte packen sich von außen beginnend einzelne und schleppen sie in die Citymasters. Selbstverständlich gibt es viel Gegenwehr, die LoneStar mit entschiedener Härte bricht. Einige dieser armen Opfer öffentlicher Staatsgewalt sehen noch, wie zwei LoneStars zu dem Bärtigen gehen, achselzuckend wohl entscheidend, dass es sich um leichte Beute handelt, und ihn dann in einen Citymaster hieven.
Das LoneStar-Gefängnis ist am überbersten und so werden die Leute in viel zu kleine Ausnüchterungszellen gesteckt mit nur einer Pritsche. In einer dieser Zellen liegt der bewußtlose Bärtige, mit einer Platzwunde am Kopf und nach Abfall stinked. Er ist aber nicht alleine. Bei ihm hocken, genervt und erschöpft ein Typ mit lässigen weißen Seglerschuhen, eine Ogerin, die ganz schön viel Platz einnimmt, ein Typ mit einem Haufen Perlen und Ketten behängt, der in dieser Enge auch noch irgendwelche Übungen machen muss, ein hagerer Kerl, der ständig einen Zeitungsfetzen mit Pferdenamen studiert und einem kleinen Etwas mit gewaltigen Spitzohren.
Was zum Teufel ist das überhaupt? Ein Gnom?
